Neue Ansichten in der Solarthermie-Branche

Dass solarthermische Heizungen auch für große Mietshäuser taugen, hatte sich in den Köpfen vieler Investoren, Installateure und Hersteller nicht festgesetzt. Deshalb ist die Solarthermie-Branche längst nicht so weit, wie sie eigentlich hätte sein können. Davon geben die beiden letzten miserablen Geschäftsjahre Zeugnis. Doch langsam kommt Bewegung in die Köpfe der Solarthermiker. Große Anlagen für den Geschosswohnungsbau sind inzwischen ein Thema.


Oben: Branchenkenner gehen davon aus, dass spätestens 2013 auch die Performance von Heizungsanlagen durch Einteilung in Effizienzklassen transparent gemacht werden muss.

Wie weit dies geht, wurde auf der 4. Solarthermie-Fachtagung des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) in der Ludwigsburger Musikhalle deutlich. Unter dem Titel  „Heizen und Kühlen mit der Sonne“ wurde zum ersten Mal der Schwerpunkt auf große solarthermische Anlagen für Mehrfamilienhäuser gelegt. Darüber hinaus wurden, ohne großes Aufheben, einige Glaubenssätze über Bord geworfen, an denen jahrelang nicht zu rütteln war. Es sei wichtig, dass man sich um das „riesige Potenzial des Geschosswohnungsbaus“ kümmere, sagte dazu Gerhard Stryi-Hipp vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE). Er hatte die Tagung zusammen mit Harald Drück vom Institut für Thermodynamik und Wärmetechnik der Universität Stuttgart organisiert und geleitet.

Die 85 Teilnehmer diskutierten folglich über technologische, wirtschaftliche und strategische Aspekte. Zu den heiligen Kühen, die auf dem Altar des VDI geschlachtet wurden, gehörte als erstes die angebliche Unwirtschaftlichkeit solarthermischer Anlagen. Wurde dieses Thema früher peinlich gemieden, so fand nun gewissermaßen eine Revolution statt. Technologisch sei man inzwischen sehr weit, gute Solarsysteme im Geschosswohnungsbau könnten sehr wohl wirtschaftlich laufen. Sie müssten zukünftig nicht nur Standard in der Wohnungswirtschaft, sondern permanent einfacher und günstiger werden. Vor allem müsse endlich dargestellt werden, dass gute Anlagen renditefähig seien. „Auch solarthermische Anlagen brauchen eine Rendite“, formulierte Carsten Kuhlmann vom Bundesindustrieverband Haus-, Energie- und Umwelttechnik (BDH), der über Kundenerwartung und Marktdurchdringung sprach. Ganz so, wie das bei PV-Anlagen auch der Fall sei. Dazu gehöre, dass die Energieeffizienz beweisbar und transparent werde. Langzeit-Ertragsbewertung, Monitoring und automatisierte Funktionskontrolle müssten selbstverständlicher Bestandteil einer multivalenten Wärmeversorgung auf solarthermischer Basis werden.

Klaus Vanoli vom Institut für Solarenergieforschung Emmerthal (ISFH) plädierte für eine Effizienzoptimierung, die es nicht bei der Funktionskontrolle einer Heizungsanlage bewenden lasse. Reine Funktion im Sinne von „die Anlage läuft“ sei eben das eine, eine dauerhafte Energieeinsparung eine andere Zielsetzung. Die dafür notwendige Messtechnik sei nicht nur vorhanden, sondern auch kostengünstig. Dass dies in der Praxis längst funktioniert und wie eine richtige hydraulische Einbindung dies unterstützt, wurde anhand von eindrucksvollen Praxisbeispielen präsentiert. Das „Geheimnis des kalten Rücklaufs“, wie Planer Peter Schleevoigt es ausdrückte, tauchte in verschiedenen Beiträgen immer wieder auf; also nur so viel Wärme ins System bringen, wie tatsächlich nötig, sprich wirklich verbraucht wird.

Dass hier alte Zöpfe abgeschnitten werden müssten, klang in mehreren Beiträgen an. Leider gelten hohe Solarerträge und viele Quadratmeter Kollektorfläche auf dem Dach immer noch als Ausweis von Qualität und Wirtschaftlichkeit. Hohe Betriebstemperaturen beim Trinkwasser sind nicht nur den entsprechenden Vorschriften des Legionellenschutzes geschuldet, sondern müssen als Synonym für eine leistungsfähige Anlage herhalten. Es gebe genügend bivalente Anlagen in deutschen Häusern, deren schlechte Betriebsergebnisse nur deshalb nicht manifestiert würden, weil es keine Messung gibt.

Was der moderne Anlagenbau leistet und wie eine optimale hydraulische Einbindung als Teil des Gesamtsystems dies unterstützt, wurde anhand von eindrucksvollen Praxisbeispielen erläutert. Die These, solarthermische Anlagen im Geschosswohnungsbau seien zu teuer, wurden damit nicht nur widerlegt; im Gegenteil. Die Erfahrungen mit dem Betrieb zeigten, dass sie bei richtiger Auslegung wirtschaftlich deutlich überlegen seien. Betrachte man nicht nur die Investitionssummen, sondern die gesamten Lifecycle-Kosten, so seien die Ergebnisse eindeutig. Berücksichtige man zudem die Möglichkeit der Modernisierungsumlage bei Mietshäusern nach Paragraf 559 BGB, so sei die solarthermische Anlagentechnik eine renditetaugliche Investition, die zu einer verlässlichen Erhöhung der Nettokaltmieten führen könne. Das mache auch den Unterschied zu geringinvestiven Maßnahmen, also Verbesserungen an der fossilen Anlagentechnik, aus. Sie haben keine Auswirkungen auf das Mietniveau.

Dass Effizienzsteigerung und Anlagen-Performance nicht alleine eine Selbsterkenntnis der Anlagenbauer darstellen, sondern auch von außen auf die Branche zukommen, machte eine Folie mit den farbigen Balken für Effizienzklassen deutlich, wie sie etwa bei Kühlschränken oder Waschmaschinen üblich sind. Die Anforderungen der EU, wie sie sich aus dem Fahrplan der Ökodesign-Richtlinie ergeben, nämlich auch die Performance von Heizungsanlagen durch Einteilung in Effizienzklassen transparent zu machen, werde 2012 oder spätestens 2013 auf die Branche zukommen. Das war von einem Sprecher des BDH zu hören. Es sei heute schon klar, dass dabei nicht einzelne Komponenten wie Kollektoren, Brenner, Speicher oder Pumpen, sondern das Gesamtsystem bewertet und eingestuft werden würde. Das sei eine Herausforderung, mit der Systemanbieter möglicherweise leichter klarkommen als reine Solaranlagenhersteller. Auf alle Fälle sei es aber eine Aufgabe, der sich die gesamte Branche offensiv stellen müsse.

Aber nicht nur da will die Branche neue Wege gehen. Deutlich wurde dies auch bei den Themen solare Kühlung und solare Prozesswärme. Beides Bereiche, die beileibe keine Nischen, sondern energetisch wie wirtschaftlich riesige Zukunftsmärkte sind. Innovative Anlagenkonzepte wie die Kombination von Solarthermie mit der Wärmepumpe, die sich hervorragend ergänzen, und die verstärkte Nutzung von dezentralen Frischwasserstationen, aber auch die Planung und Realisierung von Mehrfamilien-Solarhäusern stehen für den Aufbruch, der auf dieser Fachtagung Solarthermie zu spüren war. Diese großen Themen zu erschließen bedeutet unter anderen auch, die Solarthermie aus der Rolle des kleinen Bruders der Photovoltaik herauszuführen, so ein Teilnehmer.

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