

Luftbild des Areals, unten rechts die ehemalige Hauptzufahrt, oben der Bereich Wohnen, in der Mitte entsteht der „Landschaftspark“. Unten rechts entwickelt sich der „Sportpark“, im unteren, linken Bereich nach Westen der Technologiepark.

Das B&O Parkgelände in Bad Aibling liegt zirka 50 Kilometer südlich von München in landschaftlich reizvoller Gegend. Das 70 Hektar große Gesamtareal wurde in den 1930er Jahren als deutscher Fliegerhorst mit angeschlossenem Kasernengelände angelegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Standort von der U.S. Army übernommen und zu einer elektronischen Abhörbasis ausgebaut. Mit Ende des Kalten Krieges und Verschiebung der Ost-West-Blockgrenzen sank die Bedeutung der Basis und der Stützpunkt wurde 2004 von den Amerikanern nahezu vollständig aufgelassen. Wie in amerikanischen Barracks üblich, handelte es sich bei der Anlage um eine autarke kleine Gartenstadt. Die Gesamtanlage umfasste 23.500 Quadratmeter Wohnfläche, 34.500 Quadratmeter Büro- und Gewerbefläche, 9.000 Quadratmeter für soziale Einrichtungen sowie 5.000 Quadratmeter für Gastronomie, verteilt auf 52 Gebäudekomplexe. Die Berechnung nach Energieeinsparverordnung (EnEV) wies für ein typisches Wohngebäude einen Primärenergiebedarf von 459 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr aus. Ähnliches galt für die Bürogebäude. Die Sport- beziehungsweise Veranstaltungshallen, in den 30er Jahren als Flugzeughangars gebaut, waren wärmetechnisch nur notdürftig an ihre neue Nutzung angepasst worden. Der energetisch schlechte Ausgangszustand ließ erwarten, dass durch Sanierung auf EnEV-Neubauniveau und besser, Primärenergieeinsparungen von weit über 50 Prozent erzielt werden können. Versorgt wurden die Gebäude durch eine ölbefeuerte Nahwärmestation mit insgesamt maximal 19,5 Megawatt Wärmeleistung. Das zugehörige Nahwärmenetz war in einem guten Zustand, da es Mitte der 1990er Jahre grundlegend saniert worden war. Die Hausübergabestationen und Teile des Wärmenetzes waren für heutige Maßstäbe jedoch viel zu groß dimensioniert.
Nutzungskonzept
Aus der vorhandenen städtebaulichen Struktur ergab sich eine Unterteilung des Modellprojekts in vier Nutzungsbereiche: Im nördlichen Bereich das „Wohlfühlquartier“, in dem sich Wohnungen, ein Tagungshotel sowie ein Wellnesszentrum und Ferienwohnungen befinden. Eine Waldorfschule ist in einen der Wohnblöcke eingezogen, ein Fußballinternat folgt demnächst. Daran schließt sich der „Landschaftspark“ an: Die dort gelegenen Wohnblöcke entlang der alten Erschließungsstraße wurden abgerissen und werden durch Neubauten in Holzbauweise ersetzt. Geplant sind Ein- und Zweifamilienhäuser im Passivhaus-Standard. Ein viergeschossiges Gebäude in innovativer, vorgefertigter Holzbauweise existiert bereits, ein weiteres achtgeschossiges wird gerade errichtet. Ganz im Süden befindet sich der „Sportpark“: Zwei frühere Flugzeughangars wurden zur Sporthalle beziehungsweise zur Veranstaltungshalle umgebaut. Neben den Hallen liegen großzügige Sportflächen. Im westlichen Bereich entwickelt sich der „Technologiepark“.
Die Analyse aller auf dem Areal befindlichen und geplanten Gebäude hat ergeben, dass die Gebäude im Nord- und Südteil - getrennt durch den etwa in der Mitte von West nach Ost verlaufenden Moosbach - sehr unterschiedliche Nutzungen und energetische Standards aufweisen. Während im Nordteil die Wohnnutzung mit energetisch hocheffizienten Neubauten von EnEV-50 Prozent bis zu Passivhausstandard und geplanten Sanierungen von EnEV-Neubau-Standard bis fast Passivhausstandard überwiegt, ist der Südteil von Gewerbeeinrichtungen und Sportstätten mit konventioneller Wärmetechnik geprägt. Die Zielsetzung „Nullenergiebilanz“ reduziert sich damit fast automatisch auf den „Nordteil“, während im südlichen Teil immerhin die „energieeffiziente Konversion“ praktiziert wird. Für beide Bereiche wurden mehrere Energieversorgungsoptionen definiert und simuliert. Letztlich ausgewählt wurde für den Nordteil eine Kombination aus solarer Einspeisung ins Nahwärmenetz mit Solarspeicher und Nacherwärmung über dezentrale Wärmepumpen sowie einem Holzhackschnitzel-Spitzenkessel, der bei leerem Solarspeicher und schlechter Wärmepumpen-Arbeitszahl zum Einsatz kommt. Das von der B&O Wohnungswirtschaft entwickelte Sanierungs- und Energiekonzept wurde vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie im Rahmen der Forschungsinitiative „EnEff:Stadt“ (Forschung für die energieeffiziente Stadt) als Pilotprojekt gefördert.
Regenerative Energieerzeugung
In der Wärmeversorgung der Gebäude spielt die Solarthermie eine wesentliche Rolle: Zurzeit sind 716 Quadratmeter Flachkollektoren in Betrieb, die in der jetzigen Ausbaustufe eine 100-prozentige sommerliche Abdeckung des Wärmebedarfs sicher stellen. Weitere 1270 Quadratmeter sind geplant, darunter überwiegend Flachkollektoren, aber auch einige Röhrenkollektoren sowie Kombimodule (zur gleichzeitigen Erzeugung von Wärme und Strom). Als Umsetzungsprojekt läuft derzeit der Bau einer multiplikationsfähigen Heizhauslösung mit einem 500 Kilowatt-Biomassekessel , die - optisch ansprechend - das Thema Biomasseverbrennung für urbane Bereiche darstellt. Das vom Architekten Matteo Thun entworfene Heizhaus ist in der Nähe des unteren Hotelparkplatz positioniert und soll eine Anbindung an einen Großspeicher im Keller des Gebäudes 358 erhalten.
Die zum Konversionsgelände gehörige ehemalige großflächige Antennenanlage westlich des Hallenbereiches bot die ideale Chance zur Nutzung als Fotovoltaik-Freifläche: Hier wurde im Sommer 2010 eine Freilandanlage aus polykristallinen Modulen installiert, die 2,3 Megawatt Peak-Leistung erreicht und somit eine CO2-Einsparung von 2120 Tonnen pro Jahr ermöglicht. Diese Anlage kann für rund 300 vierköpfige Familien Strom erzeugen. Neben der Freilandanlage ist auf den Dächern von zwei ehemaligen Flugzeughangars eine Fotovoltaikanlage (FV-Anlage) installiert.
Energiebilanzen
Für den Nordteil mit seinen 15 Wohn- und Gewerbegebäuden, für die der Nullenergiestandard angestrebt wurde, wurde im Forschungsprojekt ein Endenergiebedarf für Wärme von zirka 2,35 Millionen Kilowattstunden pro Jahr und für den Gesamtstrom (inklusive Nutzerstromverbrauch) von etwa 0,89 Millionen Kilowattstunden pro Jahr ermittelt. Das Fazit der Bilanzbetrachtungen ist im Projektbericht nachzulesen: Ohne Berücksichtigung der FV-Anlagen kann eine Nullenergiebilanz nicht erreicht werden. Allerdings stellt sich das nördliche Gebiet in der Primärenergiebilanz um 30 Prozent besser dar als der Passivhaus-Grenzwert von 120 Kilowattstunden proQuadratmetera (Bilanzierung nach EnEV). Ursachen dafür sind, neben dem guten energetischen Standard der meisten Gebäude, auch die thermische Solarenergienutzung und die Hackschnitzelheizung. Werden die großen FV-Anlagen mit angerechnet, so entsteht eine deutliche Plusenergiebilanz von rund 290 Kilowattstunden pro Quadratmetera (Energiegewinn) unter Vernachlässigung des Haushaltsstroms. Inklusive Haushaltsstrom bleibt ein Überschuss von etwa 160 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Dies sind Simulationsresultate und basieren somit auf Annahmen zur Nutzung und zur energetischen Ertüchtigung der Gebäude und der Anlagentechnik. Das mit diesem Jahr gestartete Monitoring des Areals wird die tatsächlich erreichten Primärenergieverbräuche und gegebenenfalls auch noch Optimierungspotenziale aufzeigen. Insbesondere einige Parameter wie die Größe der weiteren solarthermischen Anlagen und Speicher sowie die effiziente Steuerung der Wärmeverteilung werden in einer weiteren Forschungsphase noch zu definieren sein.